International Zen Temple
Über das Erwachen des Geistes zur Praxis
Das Diamant-Sutra
Das Herz-Sutra
Über das Erwachen
des Geistes zur Praxis
Das Diamant-Sutra als Buch
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Won Hyo Dae Sa
(617 - 686)




Abhandlung über
das Erwachen des Geistes
zur Praxis

Won Hyo Dae Sa



Gemeinhin wird gesagt, dass alle Buddhas den Palast der stillen Auslöschung geschmückt haben, indem sie, alle Begierden aufgebend, sich seit endlosen Kalpas gläubigen Herzens in Askese übten.

Und alle fühlenden Wesen werden (endlos leidend) beständig wiedergeboren innerhalb der Türen zum brennenden Haus, weil sie seit unzähligen Zeitaltern aller Gier und allem Verlangen nicht entsagt haben.



Der Weg ins himmlische Paradies wird nicht versperrt, doch nur wenige betreten es, denn fälschlicherweise nehmen die meisten die drei giftigen Leidenschaften als ihr Eigentum an.

Und viele sind es, die in das Höllenreich eintreten, das doch ohne jegliche Verlockung ist, denn irrig gehen sie davon aus, dass die vier Schlangen
(ihre Körper) und fünf Begierden, Schätze ihres Geistes seien.



Wer würde sich nicht in die Tiefen eines Berges zurückziehen und den Weg kultivieren wollen? Doch nur wenige setzen solches Ansinnen in die Tat um, da sie besessen sind von ihren Zuneigungen und Gelüsten.

Selbst wenn du dich nicht in die Wälder eines Berges aufmachst, um deinen Geist zu kultivieren, solltest du nach besten Kräften danach trachten, gute Taten zu vollbringen.



Wenn du deinen eigenen Freuden entsagen kannst (um den Weg zu kultivieren), wird man dir Vertrauen schenken und dich ehren, wie man den Weisen traut und sie verehrt. Wenn du imstande bist (um des Weges willens), dich in Askese zu üben, wirst du geehrt werden wie der Buddha.

Wer einzig materiellem Wohlergehen verfallen ist, ist nichts weiter als ein Mitglied der Sippe der Dämonen (Mara). Wer aber mit Mitgefühl (Maitri) Wohltätigkeit ausübt, ist ein Anhänger des Dharma-Königs.



Die zerklüfteten Felsen eines hohen Berges sind es, wo die Weisen weilen, und das tiefe Tal der grünen Kiefern ist es, wo ein Praktizierender verbleibt.

Wenn er hungrig ist, sollte ein Praktizierender seinen darbenden Magen sättigen, indem er Früchte von den Bäumen isst, und wenn ihn dürstet, sollte er seinen Durst stillen mit Wasser, das da fließt.



Auch wenn du deinen Körper mit guten Speisen reichlich umsorgst, so wird er doch unweigerlich zerfallen. Ganz gleich wie umsichtig du dich mit weicher Kleidung zu behüten suchst, wird deine Lebenszeit, ohne jeden Zweifel, zu Ende gehen.



Ein Suchender des Weges sollte sich eine schallende Felshöhle zur Halle wählen, um Buddhas Namen anzurufen und sich mit dem Gedanken trösten, dass der traurige Ruf einer (vorbeifliegenden) Wildgans, Gefährte seines Herzens sei.

Selbst wenn sich seine Knie vom Niederwerfen (vor dem Buddha) anfühlen wie Eis, sollte er keinen Gedanken an ein warmes Feuer haben. Selbst wenn er unter dem nagenden Schmerz seines hungrigen Magens leidet, sollte er keinen Gedanken an Essen hegen.



Einhundert Jahre sind im Nu vorüber. Warum also kultivierst du nicht dein Selbst? Wie lange währt dein Leben? Kannst du da deine Zeit sinnlos vergeuden ohne Kultivierung deines Selbst?



Derjenige, der sich aller Anhaftungen in seinem Geist entledigt, wird Sa Mun (Sramana) genannt. Und alle Verbindung zu weltlichem Ruhm und weltlicher Begierde zu durchtrennen, nennt man Chul Ga (Pravrajya: in die Hauslosigkeit ziehen).

Ein Praktizierender, der fein gekleidet ist, ist wie ein Hund, der sich mit einer Elefantenhaut bedeckt. Ein Mensch des Weges, der Sehnsüchte (nach dem Unerreichbaren) hegt, ist wie ein Igel, der im Versuch begriffen ist, in ein Rattenloch zu kriechen.



Selbst wenn jemand über manche Begabung und Weisheit verfügt, so werden alle Buddhas Bedauern und Mitleid für ihn empfinden, solange er in seinem weltlichen Zuhause im Dorf verbleibt. Auch wenn jemand nur wenig oder keine Fähigkeit zur Kultivierung des Weges hat, so werden alle Weisen und Heiligen große Freude an einer solchen Person haben, wenn sie in einer Hütte in den Bergen weilt.



Selbst wenn eine Person über beachtliche Fähigkeiten und Kenntnisse (zur Kultivierung des Weges) verfügt, sie sich aber nicht an die Gebote hält, so ist es, als würde sie zu einem geheimen Lager mit Juwelen geführt, ohne diese in Besitz zu nehmen.

Auch wenn jemand mit Eifer praktiziert, jedoch keine Weisheit (zur Erleuchtung) besitzt, so ist es, als würde er hoffen, nach Osten zu gehen, während er tatsächlich den Westen ansteuert.



Die Praxis derjenigen, die mit Weisheit begabt sind, gleicht dem Zubereiten einer Mahlzeit durch das Dämpfen von Reis. Die Praxis derjenigen aber, die nicht mit Weisheit begabt sind, gleicht dem Versuch, eine Mahlzeit zuzubereiten durch das Dämpfen von Sand.



Jeder weiß nur zu gut, wie er seinen hungrigen Magen zufriedenstellt, dagegen scheint jedoch niemand zu wissen, wie man seine verwirrten Gedanken durch das Ergründen des Buddha-Dharma läutert.



Das Zusammenspiel von Praxis und Weisheit gleicht den beiden Rädern eines Karrens. In gleicher Weise sind die Errettung des eigenen Selbst und, danach, die Errettung der anderen wie die beiden Flügel eines Vogels.



Du solltest für diejenigen, die Almosen geben, beten, wenn du morgens eine Schale Reisbrei empfängst; wenn du dabei nicht die wahre Bedeutung des Gebets begreifst, solltest du dich schämen, ihnen zu begegnen. Und du solltest das Sutra rezitieren, nachdem du abends eine Schale Reis erhältst. Wenn du, auch dann, dessen wesentliche Bedeutung nicht durchdringst, solltest du da nicht tiefes Bedauern bekunden gegenüber allen Weisen und Heiligen?



Menschen verabscheuen Maden (mit Schwänzen), die keinen Unterschied machen zwischen sauber und schmutzig; den Weisen jedoch ist ein buddhistischer Mönch (Sramana) zuwider, der das Reine nicht vom Befleckten zu unterscheiden weiß.



Wünschst du dich vom Lärm dieser Welt zu befreien und in die himmlischen Gefilde aufzusteigen, dann sind die Gebote eine gute Leiter. Wenn daher jemand, der selbst die Gebote bricht, ein Feld des Segens sein will für andere, dann gleicht das einem Vogel mit gebrochenen Flügeln, der versucht in den Himmel zu fliegen und dabei eine Schildkröte auf dem Rücken trägt.

Wer seine eigenen Sünden noch nicht geläutert hat, kann die Sünden anderer nicht läutern. Wie kann da jemand, der die Gebote nicht befolgt, Gaben von anderen entgegennehmen?



Ein hohles Gerippe, selbst wenn es umsorgt wird, hat ohne Praxis keinen Nutzen. Dieses flüchtige, dahintreibende Leben, für wie kostbar du es auch halten magst, lässt sich nicht dauerhaft bewahren.



Wenn du die Tugenden der großen Patriarchen zu erlangen wünschst, dann solltest du imstande sein, jedwede Art von Leiden für lange Zeit zu ertragen; und wenn du darauf hoffst, den Löwen-Thron des Buddha zu besteigen, solltest du allen Begierden für immer den Rücken kehren.

Wird der Geist eines Praktizierenden geläutert, stimmen alle Himmel ein, ihm zu huldigen. Hegt ein Mensch des Weges sinnliche Begierden, verlassen ihn die guten Geister.



Mit einem Mal zerstreuen sich die vier Elemente und dein Körper kann sich nicht länger halten. Auch heute ist der Abend schon hereingebrochen, und der nächste Morgen naht. Eile zur Praxis!

Weltliche Vergnügen werden unweigerlich zu Leiden – warum sich an sie klammern? Sich nur einmal in Geduld zu üben wird Freude bringen, die lange währt – warum also kultivierst du nicht dein Selbst?



Die gierigen Anhaftungen eines Menschen des Weges sind eine Schande für den Praktizierenden, und der Reichtum eines Pravrajaka (eines Suchenden, der in die Hauslosigkeit zieht) wird tugendhaften Menschen zum Gespött.



Deine Ausflüchte sind unerschöpflich, deshalb finden deine Anhaftungen kein Ende. Die Male, die du „das nächste Mal“ sagst, sind gleichermaßen unbegrenzt und so werden deine Zuneigungen nie durchtrennt. Auf diese Weise kommen weltliche Angelegenheiten nicht zum Abschluss, weshalb sie niemals aufgegeben werden. Solches Treiben ist endlos und so kommt dir der Gedanke nicht, dass du dem ein Ende setzen solltest.



„Heute“ (immerzu sagst du: „Nur heute werde ich es noch einmal tun.“) erschöpft sich nie. Deshalb nimmt die Zahl der Tage deiner schlechten Taten stetig zu. „Morgen“ (immerzu sagst du: „Morgen werde ich es ganz sicher tun.“) hat ebenso kein Ende. Deshalb verringert sich beständig die Zahl der Tage, die dir für deine guten Taten bleiben.

„Dieses Jahr“ erschöpft sich nie, und so finden deine Leidenschaften und Verblendungen kein Ende. „Nächstes Jahr“ setzt sich unaufhörlich fort, und so dringst du nie zur Erleuchtung vor.



Da Stunde um Stunde verstreicht, sind ein Tag und eine Nacht bald vorüber. Da Tag um Tag verstreicht, ist ein Monat bald vorüber. Da die Monate verstreichen, ist das Ende des Jahres plötzlich erreicht. Da die Jahre verstreichen, findest du dich im Nu an der Türschwelle zu deinem Tod wieder.



Ein kaputter Wagen ist nicht mehr zu gebrauchen und so kannst du dich nicht kultivieren, wenn du alt geworden bist. Wenn du dich hinlegst, wirst du träge, wenn du dich hinsetzt, schweifst du ab.



Wie viele Tage und Nächte deiner Lebenszeit hast du ungenutzt verstreichen lassen, ohne dich zu kultivieren? Wie lange wird dein leerer Körper noch am Leben sein? Doch warum praktizierst du da dennoch nicht dein ganzes Leben lang? Mit diesem Körper wird es unweigerlich zu Ende gehen. Wie wird dann dein nächster Körper sein?


Wie die Zeit drängt, wie sehr die Zeit doch drängt.




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